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Die Helden von Latrabjarg - Darf es etwas isländische Geschichte sein?


Latrabarg in Island - Klippen und Meer

Alles Ringstraße in Island oder was? Randwanderungen, Helden & Meer

Wer in Island nicht wandert, der verpasst was. Und das will echt was heißen, weil man nämlich schon eine ganze Menge sieht, wenn man nur auf der Ringstraße einmal um die Insel fährt. Total legitim, sich darauf zu beschränken, zumal wenn man nicht wirklich wahnsinnig viel Zeit hat. Man kann ja wiederkommen und sich dann das Landesinnere angucken, alles gar kein Problem.

Manische Individualreisende werden jetzt natürlich aufschreien und sagen, das wahre Island beginne erst abseits des Hringvegur, das echte, urtümliche, naturbelassene Island. Blödsinn. Sehen nicht mal die Isländer so. Schon allein, weil alljährlich tausende Touristen in Mietwägen mit Vierradantrieb durchs Hochland gondeln, ganz zu schweigen von den Rudeln geführter Touren. Außerdem muss man sich gar nicht allzu weit von der Hauptstraße entfernen, um sich zu fühlen wie Protagonisten in einem Roman von Jules Verne.

Der Blick von den Klippen auf das offene Meer in Island

Das trifft, meiner Erfahrung nach, vor allem auf die Strecke von Akureyri bis Egilsstadir zu, aber natürlich auch auf die Westfjorde und Dutzende andere Ecken. 

Besonders eindrucksvoll ist Island, wenn man zu Fuß loszieht. Es gibt unendlich viele Wanderwege, egal ob für Mehrtageswanderungen oder Tagestouren. Und sie alle führen früher oder später an einen Punkt, an dem man sich umschaut und denkt 'So muss sich das anfühlen, der einzige Mensch auf dem Planeten zu sein.'

Im Westen der Westfjorde - in Island an den Klippen unterwegs

Bei den Klippen von Latrabjarg wird dieses Gefühl nochmal verstärkt durch den Randcharakter der Landschaft. Falls es das Wort noch nicht gibt, erhebe ich Urheberrechtsansprüche :-)

Latrabjarg wird in Island gerne als der westlichste Punkt Europas verkauft. Das ist nur semikorrekt, weil man damit die ein oder andere Azoren-Insel unter den Tisch fallen lässt, und das ist nun wirklich alles andere als nett. Den Azoren gegenüber, zumindest. Aber wenn man den Europabegriff weniger eng auslegt, dann kommt das schon ungefähr hin: nach Latrabjarg kommt erstmal lange nix, dann kommt Grönland und danach sind wir auch fast schon in Kanada.

Zunächst aber ist da die tosende See. 

Blick aufs Meer von der Klippe aus

Die Havarie der Dhoon - isländische Geschichte

Die Leute aus den Westfjorden haben eine ganz besondere Beziehung sowohl zu den Klippen von Latrabjarg als auch zur tosenden See. Das mag vor allem damit zu tun haben, dass beides Landschaft wie Wirtschaft prägt (das kleine Örtchen Patreksfjordur hätte ohne die Touristen, die kommen, um die Klippen zu besichtigen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen weitaus weniger ausgeglichenen Haushalt).

Was aber bestimmt auch eine Rolle spielt ist der Untergang der Dhoon. 

Die Dhoon war ein englisches Fischerboot, das im Dezember 1947 in den Gewässern rund um die Westfjorde fischen wollte. In einem besonders schlimmen Sturm - zeitgenössische Quellen sprechen von berghohen Wellen, Schneegestöber und Windgeschwindigkeiten von fast 100km/h - lief das Schiff mitten in der Nacht auf Felsen auf und der Mannschaft blieb nichts anderes übrig, als auszuharren, bis sich der Sturm ein wenig gelegt hätte, um die Dramatik ihrer Situation realistisch einschätzen zu können.

Drei Mann hatten sie schon während des Sturmes verloren, zwölf waren noch am Leben, als sie am nächsten Morgen unter Deck hervorkrochen und mit Entsetzen feststellen mussten, dass das vermeintlich rettende Ufer aus fast 200m hohen, senkrechten Felswänden bestand, die obendrein schneebedeckt und völlig vereist waren. 

Ausstellung von Seemannsrequisiten mit Wandbild der Rettungsaktion

Der Notruf, den die Seemänner absetzten wurde in Reykjavik empfangen und dann direkt nach Breidavik und Patreksfjordur weitergeleitet. Breidavik bestand und besteht aus knapp drei Häusern. Wenn man wohlwollend zählt. Damals lebten dort drei-vier Familien, die sich sofort auf den Weg machten. Zu Fuß. Das sind zwar nur rund 5km, aber bergauf, bei Schneegestöber und klirrender Kälte und - nicht vergessen, wir befinden uns im Nordwesten Islands - im Dunkeln. Die Helfer aus Patreksfjordur mussten sogar 22km zurücklegen.

Als sie endlich die Stelle gefunden hatten, an der die Dhoon aufgelaufen war, begann eine der dramatischsten Rettungsaktionen in der Geschichte der modernen Seefahrt. Um zu den havarierten Seeleuten zu gelangen, mussten sich die Retter an der Felsklippe herunterlassen.

Das ist gleich nochmal so beeindruckend, wenn man weiß, wie gefährlich der Klippenrand ist: die dort nistenden Papageientaucher graben nämlich Höhlen in die Felswände, die den Boden direkt am Abgrund extrem instabil machen. Auch heute wird dringend angeraten, einen Mindestabstand zum Rand zu halten, was man, wenn man sieht, wie steil es da runter geht, auch gerne tut.

Damals jedoch hangelten sich zwölf mutige Bauern an Seilen bis auf einen Felsvorsprung in ungefähr 80m Höhe über dem Meeresspiegel, wo sie eine Art Basislager aufschlugen. Vier von ihnen ließen sich bis ganz nach unten herab und mussten dann noch fast 4km über eisige Felsen kraxeln, bis sie schließlich an der Stelle der Küste angelangt waren, die der Dhoon am nächsten war. Und das alles in voller Montur, mit Rettungsausrüstung und in der ständigen Angst, von herabfallenden Felsbrocken erschlagen oder von der Brandung ins Meer gerissen zu werden.

Nicht unbedingt die allerbesten Voraussetzungen, um ein anderes als das eigene Leben zu retten.

Schließlich gelang es, ein Seil am Boot zu befestigen und ein Seemann nach dem anderen hangelte sich an die Küste. Einen ganzen Tag dauerte es, bis alle 12 Seemänner an Land waren, sieben von ihnen konnten sogar schon ins Basislager hochgezogen werden, wo sie die Nacht verbrachten. 'Basislager' ist dabei wirklich nur ein Behelfsterm. Wir müssen uns einen glitschigen Felsvorsprung an einer senkrechten Felswand vorstellen, auf dem genug Platz ist für rund zehn Männer und zwei-drei Rucksäcke. Die Schlafenden mussten festgehalten werden, damit sie nicht runter fielen, die Beine baumelten über dem Abgrund. 

Am nächsten Morgen konnten schließlich alle Seeleute nach oben gezogen werden, wo die Bauersfrauen bereits ein Lager aufgebaut hatten, in dem sich alle (die Retter waren natürlich ebenfalls völlig entkräftet und durchgefroren) aufwärmen und in dem die Verwundeten versorgt werden konnten.

Als Helfer wie Havarierte wieder transportfähig waren ging es zu Pferde Richtung Patreksfjordur und dort- das macht das Ganze zu einer wunderbaren Weihnachtsgeschichte - wurden sie von der Royal Navy eingesammelt, die dafür sorgte, dass alle Überlebenden am Heiligabend wieder zuhause bei ihren Familien waren.

Die rauen Klippen von Islands Westküste

Warum ich euch diese ganze Story überhaupt erzähle, wo es hier doch eigentlich ums Wandern geht?

Weil diese Aktion die Menschen vor Ort nachhaltig geprägt hat. Sie sind noch heute - zu Recht -  stolz auf diese Irrsinnsleistung und Hinweise auf die Bergung der Dhoon-Seeleute finden sich überall.

Der Nachhall der Helden

Spannend ist außerdem, das alles zu wissen und sich dann auf den Latrabjarg-Wanderweg zu begeben, der am äußersten Klippenrand entlang führt. Wenn man nicht gerade ein Papageientaucher ist, dann sind 200m Felswand schon ganz schön beeindruckend. Zumal wenn man sich vorstellt, wie die sich damals da abseilen mussten. Die Retter, nicht die Vögel.

Der Weg nach Latrabjarg lohnt sich übrigens nicht nur wegen des Wanderweges und der grandiosen Aussicht, sondern auch wegen der Fahrt dorthin. Straßen in den Westfjorden, das sollte man wissen, bevor man sich auf den Weg macht, entsprechen nicht unbedingt dem westeuropäischen Standard. Oder überhaupt einem Standard.

Aber das ist ein Thema, das einen eigenen Blogpost verdient :-)

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